Arbeitsbiografie

Zu meiner Arbeitsbiografie

Der folgenden Absätze stammen zu großen Teilen aus der Einleitung zu einer Sammlung von Texten aus meiner 40-jährigen Tätigkeit an der Sozialforschungsstelle Dortmund, die ich anlässlich meines Eintritts in die Rentenzeit im Oktober 2012 zusammengestellt hatte. Die Sammlung „Texte einer Arbeitsbiografie“ kann in zwei Teilen als PDFs heruntergeladen werden:

Eine Übersicht über die Texte

Teil 1 der Texte herunterladen (PDF, 236 Seiten, ca. 31 MB)

Teil 2 der Texte herunterladen (PDF, 170 Seiten, ca. 24 MB)

 

Berufsstart 1972

Ich kam, unter anderem zusammen mit Rainer Lichte, Wolfgang Hindrichs und Willi Pöhler, dem ersten Leiter der neuen Sozialforschungsstelle, Anfang der 70iger Jahre nach meiner Studienzeit, die stark von 1968 und ein frühes gewerkschaftliches Engagement geprägt war, nach Dortmund. Dies war viel mehr als eine berufliche Chance. Dortmund war für mich – für uns – damals mit dem Streik von 1969 und in seiner Folge der Ablösung der alten Betriebsratsgarde durch jüngere, betriebsdemokratisch orientierte Gewerkschafter so etwas wie das Herz einer sich wieder belebenden Arbeiterbewegung. Hierzu eine Verbindung zu erhalten, war biografisch für mich von großer und lang anhaltender Bedeutung – mit Folgewirkungen bis heute, trotz oder auch wegen aller Ernüchterungen, die nicht ausblieben.

Rückblickend betrachtet, kann ich für mich vier verschiedene Perioden meiner Arbeitsbiografie unterscheiden.

Von 1972 bis 1988: Das Institut, das Ruhrgebiet und die Industriearbeiterschaft

Worum es zunächst ging, war, die als Landesinstitut wieder gegründete Sozialforschungsstelle arbeitsfähig zu machen – und in dem kleinen Team mussten wir jungen Wissenschaftler von Anfang an Mitverantwortung übernehmen, zumal Willi Pöhler wenig später zusätzlich das ISO – Institut in Köln übernahm und 1975 als Leiter zum Projektträger Humanisierung des Arbeitslebens nach Bonn ging.

Für mich bedeutete dies praktisch von Anfang an bis zum Jahr 1988 zu einem erheblichen Teil eine Konzentration auf das Institut und seine Leitung. Dadurch war die 1. Phase meiner Arbeitsbiografie stark geprägt. Von der Aufgabe als Geschäftsführender Direktor, die ich 1985 übernahm, wurde ich 1988 dann auf eigenen Wunsch entbunden.

Die betriebsnahe gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die sich auf Oberhausen konzentrierte, blieb in den ersten Jahren ein überaus wichtiges Erfahrungsfeld, aus dem sich später eine Reihe von größeren Forschungsprojekten zum tiefgreifenden Wandel von Arbeit und Arbeiterleben – vor allem im Ruhrgebiet – entwickeln sollten.

Zunächst aber sollte ich mich fachlich mit einem angrenzenden, aber durchaus eigenlogischen Feld befassen, nämlich mit Lebenszusammenhang und Lebensperspektive von Arbeiterjugendlichen. Das war einer der drei „gesellschaftlichen Widerspruchsfelder“, die wir in der frühen Sozialforschungsstelle bearbeiten wollten. Zwei Aspekte waren uns bei dieser Art der Thematisierung wichtig: die Untersuchungen sollten sich keineswegs nur auf die betriebliche Sphäre beschränken und subjektive Perspektive, Entscheidungen und Handeln sollten in ihren Bedingtheiten und ihren Freiheiten Berücksichtigung finden. Dies wurde zu meinem zentralen Zugang, der sich in meiner Forschung und Beratung zur Berufsbildung bis heute durchhält.

Gegen Ende dieser 1. Phase eröffnete sich mir durch eine Reihe glücklicher Umstände die Gelegenheit, mein vor allem politisch begründetes Interesse an Spanien in ein großes deutsch-spanisches Forschungsvorhaben zum Betrieblichen Qualifikationswandel in Spanien zu übersetzen. Dies legte Grund für die Schwerpunkte der 2. größeren Periode meiner Arbeitsbiografie, die intensiv mit der Entdeckung der Welt „außerhalb des Ruhrgebiets“ verbunden ist, ohne die Bindung nach dort aufzugeben.

Arbeiten aus der 1. Phase (von 1972 bis 1988) zeigen ein Profil, das seine besondere Akzentuierung durch die Zusammenschau von Berufsbildung und Arbeiterbildung auf der einen Seite und auf der anderen Seite durch den Versuch erhält, die Ergebnisse der mittlerweile sich vor allem durch die Projekte zur „Humanisierung der Arbeit“ ausdifferenzierten Forschungsarbeiten des Instituts vor dem Hintergrund grundlegender Wandlungsprozesse von Arbeit und Gesellschaft zu interpretieren.

Von 1989 bis 1999: Barcelona, Erweiterung des Blicks, Verluste

Die 2. Periode begann aufregend und verheißungsvoll mit dem fast zweijährigen Aufenthalt der ganzen Familie in Barcelona und der Arbeit am dortigen neugegründeten Institut Fundació CIREM. Es gelingt gut, die Ergebnisse und auch die Netzwerke, die durch das vorherige Projekt zum Qualifikationswandel in Spanien entstanden sind, zu nutzen: es schließen sich nicht nur eine größere Zahl von Projekten in Spanien selbst an, sondern vor allem auch europäisch vergleichende Studien.

Mit der Federführung für die europäische Sektorstudie zur betrieblichen Weiterbildung im Einzelhandel im FORCE Programm der EU eröffnete sich eine umfangreiche europäische Forschungsaktivität. Die entstandenen Kontakte in verschiedenen Ländern Europas konnten zu einem frühen europäischen Kooperationsnetzwerk, dem Euronet Work&Education, verknüpft werden, das mehrere Jahre lang gut funktionierte.

Die Stadt Barcelona war in der Zeit unseres Aufenthalts dort aus Anlass der Olympischen Spiele im Jahr 1992 „umgebaut“ worden; zeitgleich fand in andalusischen Sevilla die Weltausstellung statt. Stadtsoziologisch sensibilisiert durch die vorherige Studie zu Oberhausen, konnte sich der Blick auch auf die Konsequenzen richten, die solche großen Ereignisse für die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen haben. „Große Ereignisse in großen Städten“ wird das Motto von Studien und Veröffentlichungen, die sich später auf Hannover und Berlin ausdehnen.

Anfang 1993 starb mein enger Freund und Kollege Ben van Onna, den ich durch die gemeinsame Arbeit in den allerersten Jahren an der Sozialforschungsstelle kennen lernte, der einer der ganz wichtigen Partner in unserem „Euronet“ war und zu dem der intensive fachliche und persönliche Austausch nie abgerissen war. Das Netzwerk selbst lockerte sich – aus verschiedenen Gründen – in den folgenden Jahren und verkümmert schließlich; das CIREM – Institut in Barcelona durchlief eine erste schwierige Phase, meine Kooperation dort verliert an Intensität.

In Dortmund hatten wir  auf Anregung von Alfred Heese, dem damaligen Arbeitsdirektor von Hoesch  eine große Studie zum Wandel der Arbeit in der Stahlindustrie begonnen, die aber vor allem in ihrer Fertigstellung nicht recht voran kam. Sie wurde unter dem Titel „ Der lange Abschied vom Malocher“ erst im Jahr 2000 veröffentlicht.

Trotz der Erweiterung des Blicks auf die Entwicklung von Arbeit & Bildung in Europa, die sehr lebendige Zeit des Aufenthalts in Barcelona und direkt anschließenden Jahre, der Weiterführung wichtiger Fragen zum Arbeiterleben und zur Beruflichen Bildung: die letzten Jahre dieser Phase waren persönlich schwierig und krisenhaft.

Von 2000 bis 2012: Erfahrungen weitergeben und Positionen klären

Die dritte Phase begann sehr gut für mich, nämlich mit einer Art Rückkehr zum Industriebetrieb, und dies in doppelter Hinsicht: zum einen konnte ich intensiv an einer empirischen Studie über den (Zu-) Stand direkter Beteiligung von Arbeitnehmern in einer Reihe ausgewählter Betriebe mitarbeiten1, zum anderen wurde ich eingeladen, den Betriebsrat bei den Stahlwerken in Bremen mehrere Jahre lang bei einem für den Standort existentiellen Rationalisierungsvorhaben (dem sogenannten FIT-Prozess) zu begleiten. Für mich war diese schwierige Beratung gewissermaßen eine „Nagelprobe“ auch dafür, inwieweit sich die Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich sammeln konnte, nützlich machen lassen.

Konzeptionelle Positionierungen in dieser Zeit waren Ergebnis einer Zusammenschau aus meinen verschiedenen bisherigen Arbeitssträngen heraus. Dies galt insbesondere für den Versuch, die Einsichten aus den europäischen Projekten und die langjährige Beschäftigung mit dem Wandel von Industriearbeit zu einer europäischen Kultur abhängigen Arbeitens, also zu einer Art künftigen „Europäischen Arbeitsmodell“ zusammen zu denken. Als wichtiges Seitenstück hierzu versuchte ich noch einmal, die kritische Sicht auf das deutsche System der „Dualen Berufsausbildung“ zu schärfen.

Parallel hierzu entwickelte sich aus der kritischen Analyse des Übergangs von der Schule in die Arbeitswelt, die seit Beginn meiner Arbeit in der Sozialforschungsstelle eine wirkliche Konstante war, ein neuer Arbeitsschwerpunkt, der vor allem Beratung forderte. Aus der Beteiligung an einem Memorandum zur Berufsnot der Jugendlichen, das von der Freudenberg Stiftung initiiert wurde2, entstand die Weinheimer Initiative, eine Arbeitsgemeinschaft, die sich für Kommunale Koordinierung bei der Gestaltung des Übergangs von der Schule in die Arbeitswelt einsetzt3. Hieraus entfaltete sich für mich eine große Bandbreite von Aktivitäten, sowohl, was die Koordination der Arbeitsgemeinschaft als auch die Beratung verschiedener Städte und Landkreise – unter ihnen besonders prominent: Dortmund 4 – betraf und betrifft. In Erweiterung dieses Ansatzes kamen die Bundesländer stärker in den Blick, und damit fallen auch mehr oder weniger umfangreiche Beratungsaufgaben an, beispielsweise in Berlin und in Schleswig-Holstein.

Was die Länderebene betrifft, so nahm in der Arbeit der letzten Phase Hessen und das dortige Vorhaben HESSENCAMPUS ein besonderes Gewicht ein. Seit 2006 begleiteten wir an der Sozialforschungsstelle den dortigen Ansatz, aus den Beruflichen Schulen, den Schulen für Erwachsene und den Volkshochschulen einen Kooperationsverbund zu formen, der in Partnerschaft zwischen Land und Kommunen die Bildung von Erwachsenen wirksam fördert5 .

Hierbei verknüpften sich für mich die aus den Weiterbildungsprogrammen der EU und Studienreisen nach Wisconsin gewonnenen Einsichten mit Ansätzen zur kommunalen Bildungspolitik, die immer auch das Verhältnis von Arbeit und Bildung zu reflektieren haben. Hier schließlich verbindet sich eine weitere Linie meiner Arbeit, die ihren Ausgang in der intensiven Beschäftigung mit den sozialen Umbrüchen in Oberhausen hatte, nämlich die Frage nach städtischer Lebensqualität in Hinblick auf Zugänge zu gelingenden Bildungs- und Arbeitsbiografien Die Große Kreisstadt Hoyerswerda in Ostsachsen wird zu einem Beispiel für die Motorrolle, die Bildung für städtische Entwicklung gewinnen könnte6 .

Weiterarbeiten

Ende September 2012 endete nach 40 Jahren meine Arbeit an der Sozialforschungsstelle Dortmund, aber nicht meine berufliche Tätigkeit. Sehr wichtig war für mich z.B., dass der Arbeitskontakt mit dem Betriebsrat von ArcelorMittal in Bremen nicht abbrach und es sogar gelang, zusammen mit zwei Betriebsratskollegen schließlich unter dem Titel „Globale Unternehmen, lokale Interessenvertretung“ eine Bilanzierung der Entwicklungen bei den Stahlwerken Bremen (ArcelorMittal Bremen) seit 2002 vorzulegen7 . Später kam es zum Thema „Belegschaftsbeteiligung“ noch einmal zu einer intensiven Zusammenarbeit auch mit dem arbeitsdirektorialen Bereich, die bis Ende 2016 andauerte. – Meine europäischen Bezüge haben sich gelockert, sind aber nicht verloren gegangen, sondern werden vor allem durch eine anhaltend enge Verbindung mit Oriol Homs (Barcelona) und Valter Fissaber (Athen) gepflegt.

Ein neuer Schwerpunkt ist Migration geworden. Ein Strang ist dabei der Übergang von jungen Menschen mit Migrationsgeschichte in Berufsausbildung und Arbeit; aus der langjährigen Beratung bei „Berlin braucht dich!“8 hat sich u.a. „Fokus Migration“ als konzeptioneller Ansatz für kommunales Handeln heraus entwickelt. Berufliche Perspektiven junger Roma und junger Flüchtlinge sind aktuelle Themen. Die Rolle von Migrantenorganisationen und Einwanderungsgeschichte rückten stark in Blickfeld. Hieraus hat sich einer meiner heutigen Arbeitsschwerpunkte entwickelt; neben „Berlin braucht dich!“ ist die Beratung des Verbunds Sozio-kultureller Migrantenvereine in Dortmund (VMDO)9 und des Bundesverbands NeMO (einem Netzwerk lokaler Verbünde von Migrantenorganisationen) getreten. Aus diesen Verbundzusammenhängen hat sich ein wahrscheinlich auch noch 2018 laufendes, von der Beauftragten der Bundesregierung für Integration, Flüchtlinge und Migration gefördertes Vorhaben entwickelt, das ich wissenschaftlich betreue: Stützung von Aktiven aus Migrantenorganisationen in der Flüchtlingsarbeit (samo.fa), das in 30 Städten bundesweit läuft.

Eine besonders spannende Erfahrung war die Konzipierung, Durchführung und Begleitung der Ausstellung „Onkel Hasan und die Generation der Enkel“, zusammen mit Ümit Koşan und mit Angela Paul-Kohlhoff, meiner Kollegin und Lebensgefährtin, die an vielen meiner beruflichen Projekte ebenfalls beteiligt war und ist. Nach Dortmund, Hagen und Neuss wird die Ausstellung – immer wieder erweitert und ergänzt und durch Veranstaltungen und Führungen begleitet – im Jahr 2017 noch in Düsseldorf-Garath und in Berlin-Pankow zu sehen sein.

Den größten Teil meiner Zeit und Energie bindet aber die Koordinierung der Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative 10 , dem bundesweiten Zusammenschluss von Städten und Kreisen unter der Überschrift „Kommunale Koordinierung“ im Übergang Schule – Arbeitswelt. Die Arbeitsgemeinschaft verfolgt zwei Aufgaben, nämlich sich dabei zu unterstützen und herauszufordern, die Kommunale Koordinierung „vor Ort“ so weit zu entwickeln, wie dies irgend möglich ist, und anwaltschaftlich für die Verbesserung der Rahmenbedingungen für „Kommunale Koordinierung“ tätig zu werden. Neben den Jahresforen, die seit 2008 als Treffpunkt und „Schaufenster“ in verschiedenen Mitgliedskommunen durchgeführt werden, ist mit der Verfolgung der beiden Aufgaben ein weites Spektrum an Tätigkeiten verbunden – nun schon fast zehn Jahre. In der Arbeitsgemeinschaft sind allerdings – und das macht sie für mich so reizvoll – in praktisch gestaltender Perspektive viele der Themen präsent, die mich im Laufe meines Arbeitslebens immer wieder beschäftigt haben.

(Stand: Juni 2017)

1 Susanne Felger, Wilfried Kruse, Angela Paul-Kohlhoff, Silke Senft 2003: Partizipative Arbeitsorganisation: Beteiligung jenseits von Naivität, Münster

2 Andreas Flitner, Christian Petry, Ingo Richter (Hrsg) 1999: Wege aus der Ausbildungskrise. Memorandum des Forums ‚Jugend. Bildung. Arbeit“, Opladen

3 Wilfried Kruse & Expertengruppe 2010: Jugend: Von der Schule in die Arbeitswelt. Bildungsmanagement als kommunale Aufgabe, Stuttgart und – erweitert – Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative (Hrsg.) 2013 : Lokale Bildungsverantwortung. Kommunale Koordinierung beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt, Stuttgart

4 Vergl. u.a.: Stadt Dortmund, Fachbereich Schule 2009: Von der Schule in den Beruf: Zeitgewinn in Dortmund, Dortmund, und akutell: Wilfried Kruse, Ernst Rösner 2014: Bildung und städtische Entwicklung. Einführung zum zweiten Dortmunder Bildungsbericht, in: Stadt Dortmund,. Fachbereich Schule: Zweiter kommunaler Bildungsbericht der Stadt Dortmund, S. 13-26. Der kommunalen Bildungspolitik in Dortmund bin auch als einer der Vorsitzenden der Bildungskommission des Oberbürgermeisters der Stadt verbunden.

5 Kruse, Wilfried Schröder, Antonius; Pelka, Bastian;; Kaletka, Christoph: Hessencampus 2007-2010. Ein Zwischenbericht aus Perspektive der Wissenschaftlichen Begleitforschung; Dortmund: sfs Beiträge aus der Forschung 177, 2010

6 Kruse, Wilfried; Paul-Kohlhoff, Angela: Hoyerswerda: ein guter Ort für lebenspraktische Bildung? Dortmund: sfs Beiträge aus der Forschung, 2011

7 Eine Rückschau auf den gesamten tiefgreifenden Veränderungsprozess, mit dem sich die Belegschaftsvertretung auseinandersetzen musste, erscheint in Kürze als Buch: Michael Breidbach, Klaus Hering, Wilfried Kruse 2012: Globale Unternehmen und lokale Interessenvertretung, Hamburg

8 www.berlin-braucht-dich.de

9 vmdo.de

10 www.kommunale-koordinierung.de